In dem anheimelnden Turmzimmer erhebt sich ein kollektives Schmunzeln. Das ist mein Verdienst. Immerhin. Es hätte schlimmer kommen können. Soeben erfolgte die Uraufführung eines von mir verfassten Gedichtes außerhalb meiner wohlwollenden, aus Verwandten und Freunden bestehenden Fangemeinde. Der ältere Herr, der die interessierte Runde zuvor mit seinem kriegsverherrlichenden Gedicht geschockt hat, das er 1942 als verblendeter Jugendlicher verfasst hatte, bricht als Erster das Schweigen: »Das Schaf liebt den Wolf ? das habe ich auch noch nie gehört!« Stimmt aber. Das Schaf bin nämlich ich. Und anscheinend glaubt man mir jedes Wort. Bei den Werken anderer Möchtegern-Autoren wurde vom »literarischen Ich« gesprochen; ich jedoch, und zwar ich persönlich und real, ernte nun mitfühlende Blicke aus neun Augenpaaren. Fast erwarte ich, dass gleich jemand »Armes Hascherl« zu mir sagt. Selbst unser Dozent, ein Doktor der Germanistik in meinem Alter, der schon weise und abgeklärt auf die Welt gekommen zu sein scheint, zeigt einen Anflug von Bedauern auf seinem strengen Gesicht. Das kann aber auch einen anderen Grund haben. Den ersten Kritikpunkt zu meinem Gedicht kann er sich nämlich schenken.
Bei der Besprechung des Beitrags der Dame links von mir hat er bereits darauf hingewiesen, dass man sich vor klischeehaften Formulierungen hüten soll, die jeder Leser schon hundertmal gehört hat und die sein Interesse erlahmen lassen. Mir ist ganz heiß geworden. Mein Gedicht »Jägerlatein« strotzt geradezu von Allerweltsausdrücken. Aber ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen. Also weise ich bereits beim Verteilen der Kopien an die übrigen Seminarteilnehmer auf eben diesen Umstand hin und ergänze mit gelassener Souveränität, dass dies natürlich Absicht sei. Das Schöne an der Lyrik ist eben die künstlerische Freiheit. In anderen Bereichen hätte es geheißen: »Sechs. Setzen.« Hier dagegen kommt es nur darauf an, wie gut man sich verkauft. Und so trage ich mit fester, wenngleich der Thematik angepasster Stimme vor:
Du bist
ein einsamer Wolf
Der traurig
durch die Steppe streift
Und sich
dabei seine Wunden leckt.
Ich bin
ein dummes Schaf
Das nicht
von Dir lassen kann
Obwohl
es mit seinem Latein am Ende ist.
Nun mach
schon
Und reiß
mich endlich
Damit
wir es hinter uns haben.
Nach dem eingangs erwähnten verblüfften Kommentar des Kriegsveteranen stellt unser Dozent, dem ich, weil er leicht säuerlich guckt, gern sagen möchte: »Bleib locker und nimm das mit den Klischees nicht so tragisch, Mann«, nun seine Standard-Einstiegsfrage: »Wie hat Ihnen dieses Gedicht gefallen?« Und zum ersten Mal an diesem Vormittag ist die Antwort ein einhelliges »Gut.«
Dr. Profi-Germanist tut mir fast leid. Da kommt ihm wenigstens der Herr rechts von mir zu Hilfe, indem er schon wieder die etwas abgenutzte Frage stellt, ob dies überhaupt ein Gedicht sei, und wenn ja, ob es dann auch Lyrik sei. Dankbar greift der Dozent diese Problematik, die mir ehrlich gesagt an gewissen Körperteilen vorbeigeht, weil ich grundsätzlich kein Schubladendenken mag, auf. Ein Versmaß, gleichgültig, ob Jambus oder Trochäus, sucht man bei mir zugegebenermaßen vergeblich. Aber das Schaf oder der Wolf wären auch nicht glücklicher, wenn sie eines hätten, und allein darauf kommt es mir an.
Der einzige Halb-Profi unter uns, der bereits einen Gedichtband veröffentlicht hat und interessanterweise Doktor der Geographie ist, unterbreitet den Vorschlag, dass ich am Ende des Neunzeilers noch eine Widmung hinzufügen könnte, da dieses Gedicht ja offensichtlich für eine bestimmte Person geschrieben sei; so etwas wie: »Für XY«. Offensichtlich? Wieso ist es eigentlich für jedermann hier offensichtlich, dass »Jägerlatein« aufgrund leibhaftiger Vorbilder entstanden ist? Könnte mich nicht einfach die Muse geküsst haben, ohne realen Hintergrund? Ich muss mal in den Spiegel schauen, ob ich tatsächlich Ÿhnlichkeit mit diesem wolligen, blökenden Tier habe, dessen ich mich bedient habe, um menschliche Gefühle auszudrücken.
Die Dame ganz rechts, deren Alter ich vorsichtig auf über achtzig schätze, räuspert sich gerührt. Sie könne sich sehr gut in diese Dinge hineinversetzen, denn sie habe das Glück gehabt, ebenfalls eine so große Liebe zu erleben, die leider schon vor einiger Zeit von ihr gegangen sei. Ich bin ebenfalls gerührt, auch wenn sie den tragischen Aspekt meines Gedichtes möglicherweise übersehen hat. Durch mich hat sich jedenfalls jemand an sein Glück erinnert. Das ist doch schön.
Die Interpretation begibt sich jetzt auf biologische Pfade. Ein hakennasiger Mann in meinem Alter weist auf die Abhängigkeiten im Tierreich hin. Eigentlich ist ja der Wolf von dem Schaf abhängig, da er sich davon ernähren muss. Umgekehrt gilt das nicht. So habe ich das bisher nicht gesehen, und der Wolf, den ich meine, scheint das auch noch nicht richtig verinnerlicht zu haben. Die Freundin des Vorredners meint zögerlich, dass dieses Gedicht ja irgendwie fröhlich sei, lässt sich aber durch die Gegenfrage: »Obwohl das Schaf mit seinem Latein am Ende ist?« sofort wieder zum Schweigen bringen. Der Ausdruck »Galgenhumor« und die Redewendung «Humor ist, wenn man trotzdem lacht«, von verschiedenen Seiten in die Diskussion eingestreut, runden diesen Aspekt ab. Die Kritiker sparen also auch nicht an Floskeln.
Darauf stellt der Dozent mit einem leicht süffisanten Lächeln in meine Richtung fest, dass das Schaf ja im Prinzip doppelt dumm sei. Es weiß nicht mehr, was es tun soll, UND es läuft vor der drohenden Gefahr durch den hungrigen Wolf nicht weg. Ja, ja, schön blöd. In meinem nächsten Leben komme ich gefühllos auf die Welt, ich weiß nur noch nicht, in welcher Gestalt. Als Leuchtturm vielleicht?
Er setzt gleich noch eins
drauf und begründet das merkwürdige Verhalten des Schafes damit,
dass es bisher bedeutungslos gewesen sei und nun dadurch Bedeutung erlangen
will, dass es sich fressen lässt. Klar, ich liebe es, gefressen zu
werden! Herr Hakennase ist etwas netter und führt aus, dass die letzte
Zeile viel von der Hoffnung zum Ausdruck bringt, die das Schaf für
die Zeit »danach« hegt.
Diesem Gedankengang kann
ich nun allerdings nicht ganz folgen. Welche Zukunft habe ich denn zu erwarten,
nachdem ich von einem Raubtier verspeist wurde? Ich kann da im wahrsten
Sinne des Wortes kein Licht am Ende dieses Tunnels erkennen. Nichtsdestotrotz
freut es mich, dass ich unbewusst Hoffnung verbreite, ohne selbst auch
nur einen Funken davon zu verspüren.
Der einstmals verblendete Dritte-Reich-Jüngling meldet sich nun wieder zu Wort. Er fände dieses Gedicht einfach reizend und es sei ihm gerade spontan ein neuer Titel dafür eingefallen. Das hat mir gerade noch gefehlt. Mit donnernder Stimme und stolzgeschwellter Brust verkündet er: »Sehnsucht nach WOLFgang!« Der zweite Lacher dieses Tages geht eindeutig an ihn. Etwas leiser und mir zugewandt ergänzt er: »Und ich bedauere es außerordentlich, dass ich nicht Wolfgang heiße.«
Dem ist nichts hinzuzufügen. Und so endet die Besprechung meines Werkes mit diesem denkwürdigen Schlusswort. Der echte Wolf heißt übrigens auch nicht Wolfgang. Grundsätzlich würde das allerdings wenig bis gar nichts ändern.
Was mir nun bleibt, ist die wertvolle Erfahrung, wie viele unterschiedliche und weitreichende Interpretationsansätze mein Gedicht eröffnet. Manche dieser Gedanken wären mir persönlich auch in hundert Jahren nicht in den Sinn gekommen. Aber es freut mich ungemein, dass meine Zeilen Anlass geben, sich mit ihnen auseinander zu setzen. Und da ich die frühe »Ich-ärgere-mich-schwarz-beim-Mensch-ärger-Dich-nicht«-Phase glücklicherweise hinter mir gelassen habe, kann ich begründete Kritik mittlerweile annehmen. Zumindest, wenn ich mir ganz viel Mühe gebe. Daher lautet die vierte Zeile von »Jägerlatein« ab sofort: »Ich bin ein doppelt dummes Schaf«.
So viel Stil muss sein.
©
2003 Bianka Pscheidl
Zurück zur Startseite