Walter Kempowski

Über Christian Morgensterns »Galgenlieder«

Die deutsche Literaturgeschichte oder, besser gesagt, die deutsche Dichtergalerie, weist bis in neueste Zeiten die sonderbarsten Individuen auf. Fast über jeden unserer großen Schriftsteller läßt sich Merkwürdiges sagen. Der eine, Adalbert Stifter, litt unter Freßsucht, der andere, Mörike, lebte mit zwei Frauen zusammen und schwieg 10 Jahre lang, Kafka hatte abnorme Minderwertigkeitsgefühle, E.T.A. Hoffmann machte es Spaß, andere Menschen zu erschrecken, Rilke hielt sich für adelig, Stefan George umgab sich mit einem Männerorden und kleidete sich gelegentlich römisch.

Diese Liste könnte beliebig verlängert werden. Bekanntlich ist jeder menschliche Charakter eine Abweichung von der Norm. Bei Christian Morgenstern ist das Skurile scheinbar ganz in seine Dichtung eingeflossen, denn aus seinem Leben ist weiter nichts Sensationell-Abartiges zu berichten. Auch die etwas eigenartige Bruderschaft des »Galgenberges« ist nur ein Teil seiner Dichtung im Sinne einer action, wie wir heute sagen würden: Ernsthafte Männer treffen sich regelmäßig und verbringen Stunden unter den sonderbarsten, an Freimaurerei und Geheimgesellschaften erinnernden Riten.

Morgensterns Lyrik zerfällt in zwei Teile, in sehr merkwürdige, von Antroposophie angeregte etwas schwülstige Verse und in groteske. Von seiner Gedankenlyrik, die den größten Teil seines Schaffen ausmacht, will ich hier nicht reden, sie ist mir nicht zugänglich - ehrlich gesagt: ich mag sie nicht. Mich interessieren allein die grotesken Gedichte, in denen Morgenstern bis heute lebt, frisch wie der junge Tag, jene Reihe von Publikationen, die mit »Horatius Travestitus« 1897 begann, sich in den »Galgenliedern« 1905, »Palmström« 1910 fortsetzt und posthum mit den Publikationen »Palma Kunkel« 1916 und »Der Gingganz« 1919 sein Ende findet.

Reden wir also über die »Galgenlieder«, für mich eines der wichtigsten Bücher dieses Jahrhunderts. Die ersten Gedichte dieser Sammlung entstanden 1895 für einen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam mit dem Namen eines dortigen Galgenberges schmücken zu müssen meinte. Auf Versammlungen in Kneipen, die Morgenstern mit einem rostigen Schwert auf dem Tisch leitete, wurden sie auch zu Klavierbegleitung gesungen. Nicht selten mußte der Wirt zu späterer Stunde einschreiten und die erheiterten Bundesbrüder zur Ordnung rufen.

Über 200 groteske  Gedichte hat Christian Morgenstern geschrieben, 1933 wurden sie unter dem Titel »Alle Galgenlieder« vereinigt. Der echte Morgenstern-Fan kennt sie sämtlich. Alles, was Morgenstern von sich gibt, ist gediegen. Sogar eher beiläufig hergestellte Gebilde, auf Postkarten im Café hingekritzelt, tragen das Signum des Frischen, Neuen, so noch nie Dagewesenen, des ein für alle Mal Gültigen. Das Groteske führt uns das unser Leben Deformierende vor: das Unabwendliche, hier wirds Ereignis.

Blödem Volke unverständlich
treiben wir des Lebens Spiel.
Gerade das, was unabwendlich,
fruchtet unserm Spott als Ziel.

Bedauerlich ist es, daß die deutschen Leser die Nennung seines Namens meist nur mit dem berühmen Wiesel, der auf einem Kiesel sitzt, inmitten Bachgeriesels, und zwar »des Reimes wegen«, verbinden. Darüber hinaus ist vielleicht noch das Huhn in der Bahnhofshalle bekannt, »nicht für es gebaut«, beim Lattenzaun, »mit Zwischenraum, hindurchzuschaun«, ist dann gewöhnlich Schluß: »Der Architekt jedoch entfloh/ nach Afri od Americo«.

Übersehen wird zumeist der zeitkritische Ansatz, etwa in dem Gedicht »Laß sie Dreadnoughts bauen und Überdreadnoughts«. Ein Gedicht also über Schlachtschiffe in einer Zeit, da die Deutschen (und die anderen Europäer) sich an schimmernder Wehr ergötzten. Die sich anbahnende Katastrophe des Weltkriegs hat er vorausgeahnt. »Singend gehn die Völker zu Bett, und singend gehn sie zum Frühstück« - ein paar Jahre später gingen sie singend in den Tod.

Wir sind Zeuge eines unerhörten Vorgangs: Urplötzlich, aus der Menge der ihrer Zeit verhafteten Literaten, jenseits aller Konventionen und gewöhnlichen Sensationen hat hier einer einen Weg gefunden, der in Bereiche führt, von denen sich die Menschen damals (bis dato) keine Vorstellung machten. Er hat zwar Nachahmer gefunden, aber keine Nachfolger, er hat keine Schule gegründet, weil er nichts übrig ließ. Und doch ist die moderne Dichtung ohne ihn nicht vorstellbar. Man kann ihn gar nicht überschätzen. Er steht auf einsamer Höhe.

Christian Morgenstern ist in unserer deutschen, nicht gerade von Humor beseelten Literatur eine Art Ehrenrettung, einer der seltenen Glücksfälle im Geistesleben einer Nation. Das Knie, das einsam durch die Welt geht, das Huhn in der Bahnhofshalle, das ist das Akute, mit dem wir es heute zu tun haben. Das große La-lu-la wird das Ergebnis sein.

Übrigens: und das ist ebenfalls kurios und für einen Deutschen recht bemerkenswert: 1871 geboren - 1914 im März gestorben: Er hat also keinen Krieg erlebt.
 

© 1999 Walter Kempowski
 

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