Notizen zum Bloomsday '97
 

Walter Kempowski führte im zeitlichen Umfeld von »Bloomsday '97«
ein Tagebuch. Im folgenden sind Auszüge abgedruckt.
 
 

Sonntag 8. Juni 1997
8°° Uhr
Mir war gestern ganz wirr im Kopf. Als ich mich endlich aufs Lager streckte, heulte die Alarmsache los. Wir trafen uns im Nachthemd auf der Treppe und rannten nach unten und fragten wechselseitig: »Ist da wer?« - Niemand antwortete. Wenn das ein Schwerstmörder gewesen wäre, dann hätten wir uns mit unserm Runterrennen ganz schön in die Nesseln gesetzt. Es heißt, man soll diese Leute nicht reizen.

Ich: Jedesmal, wenn ich die Gardinen wegziehe, komme ich gegen die Kakteen. Hildegard: Das mögen sie gern, die Pflanzen, wenn man sie berührt.

Gestern ein TV-Film, in dem Hildesheimer vorkam, dieser eitle Untergangsprophet. Er sei 67, sagt er, also ein alter Mann usw. Ich saß mal drei Stunden mit ihm am Tisch, da hat er nicht ein einziges Mal das Wort an mich gerichtet.
 

15°° Uhr
Regengeprassel . Gestern kamen aus Rostock drei Voss-Almanache von 1785/1788/ 1789, teuer! Zwei davon sehr hübsch in dunkelrotes Leder gebunden, buntes Vorsatzpapier. Notenausklappblätter. Hildegard las Entsetzliches daraus vor. Wenn man bedenkt, daß Goethe zur gleichen Zeit gelebt hat. Aber so ist es ja  heute auch, nur daß es gar keine Almanache mehr gibt.

Unser Besuch gestern reagierte unwillig auf das Bloomsday-Projekt. Er stellte mir in netter Form die Einwände vor, die todsicher von der Presse kämen. Wie groß denn mein Anteil an der Sache sei, ob man da noch von einem »Autor« reden könnte? Die Schwierigkeiten beim Einholen der Rechte seien gewiß enorm. Er memorierte diese Einwände mit erstens, zweitens, drittens ... Das war meiner Laune nicht förderlich.

22°° Uhr
Aus dem Fenster geguckt, gedöst. Bei Tschechow fand ich einen Brief vom 16. Juni 1904! Er beklagt sich über den Betrieb in einem deutschen Kurort, daß die Musik unter aller Sau ist, aber der Haferbrei ist gut, davon nimmt er sich was mit nach Hause. Wir drucken ihn als Motto im Bloomsday ab.
 

Montag, 9. Juni 1997
6.40 Uhr
GELONIDA Allerhand durcheinandere Terminträume: Bloomsday - Sowtschick Poseidon - die Rede - Berlin - das Fernsehen - ein Schauspieler, der Texte von mir sprechen soll oder will - der Dorfroman usw. Ich wachte davon auf, daß mir alles im Kopf herum ging. Der Traumerzeuger hatte offensichtlich die Übersicht verloren, eins ging in das andere über. Wahrscheinlich will er mir sagen: es ist höchste Zeit, daß du dir eine Übersicht verschaffst.

Gestern im TV war die Rekonstruktion von Tieren aus dem Cambrium zu bewundern, vor 500 Millionen Jahren haben sie gelebt, Schiefereinschlüsse wurden gezeigt, und dann erhob sich aus dem Schieferabdruck per Computeranimation eines dieser Tiere und segelte in der Gegend herum. Fünf Augen und zahllose Flossenfächer am Leib. Ein anderes Tier aus dieser Zeit mit Zangen vor dem unter dem Leib liegenden Maul wurde sogar an einem mechanischen Modell vorgeführt, in einem Schwimmbecken fuhr es herum, vor- und auch rückwärts. Als man zeigte, wie der Bursche zugebissen hat, wurden Kaugeräusche unterlegt (als ob man in ein Brötchen beißt).

Ruppig-Fußball Ukraine: Deutschland 0:0. Der-Mittelstürmer Balsen stehe herum und fuchtele mit den Armen statt zu stürmen, wurde gesagt. Irgendwie hatte dieses Fußballspiel mit dem 2.Weltkrieg zu tun. Es war zwar schade, aber doch gut, daß die Deutschen dieses Spiel nicht gewannen.

Über die Rekonstruktion des Globe-Theatre in London. 60 Millionen Mark hat es gekostet. Dem Mörtel wurden Kuhhaare beigemengt, der besseren Akustik wegen. Die Zuschauer müssen stehen! In Eichstädt reißen sie auf Geheiß des Oberbürgermeisters uralte Häuser ab. Das war ein interessanter Fernsehabend. Ich probte ein bißchen für Bloomsday, wie lange ich das Zappen aushalte. Es ist zu überlegen, ob wir mit dem Aufzeichnen nicht schon um 5 Uhr früh anfangen. Um diese Zeit beginnen die meisten Sender bereits mit ihrem Programm. Um 5 Uhr früh beginnen und um 4.45 Uhr am nächsten Tag enden? Sozusagen rund um die Uhr? Oder doch bei den Bloomsday-Daten bleiben? Von 8 Uhr bis 3 Uhr den nächsten Morgen, das sind immerhin 19 Stunden ununterbrochenes Zappen.

Ich bummelte ein wenig: Bibliothek, spielte Klavier, ging spazieren. Ohrwurm: Das Doppelkonzert von Bach. Neuerdings improvisiere ich auf dem Klavier Fugenähnliches. Möchte auch mal wieder zu malen anfangen. Heute wurde im TV ein lahmer Columbo-Film gesendet. Am Bloomsday-Tag wird es auch einen geben. Poseidontexte abgeschrieben.

Ich möchte mich mit VALIUM oder GELONIDA betäuben, wie das andere Leute tun, mal ganz wegtreten. Aber das ist nicht meine Sache. Der Betäubungsschlaf. Meine Leser wollen nicht, daß ich Valium nehme. Die wollen, daß ich einen Tadellöser nach dem anderen schreibe. Die werden schön gucken, wenn der Bloomsday auf dem Tisch liegt. Das kriege ich nie wieder ausgebügelt.

Hage hat zum Bloomsday-Projekt gesagt: Die Zeitungen werden schreiben: Was hat sich der verrückte Kempowski da wieder ausgedacht? - Ja, sagt Hildegard, du bist tatsächlich ein »Wahnsinnsmacker«.  Mit dieser Vokabel hat mich Manfred Krug kürzlich bedacht.
 

Dienstag, lO. Juni 1997
8°° Uhr
Tiefschlaf.

22°° Uhr
Kühler Morgen. Ich machte mit Hildegard eine Hamburgtour. Ich fuhr hin, sie zurück (ich schlafend). Zweites Frühstück in den Vier Jahreszeiten. Hildegard aß einen Apfelstrudel, der mit Mandeln statt Ÿpfeln gefüllt war, was sie ärgerte. Ullas Geburtstag wurde besprochen, 75 wird sie! Ihrer Agfa-Box verdanken wir die vielen Fotos. In der Lobby saß Heino. Ich dachte mir aus, daß ich an seinen Tisch trete und mich vorstelle, ernst und schlicht. Bruder zu Bruder, zwei Seniorentröster, wenn auch unterschiedlichster Provenienz: Wir sitzen doch alle im selben Boot ... Und er dann in seiner Die-Blauen-Dragoner-sie-reiten-Stimme: Ach, das ist aber nett, kommen Sie, setzen Sie sich doch zu uns, wie geht es Ihnen denn so? ... Oder, besser: Er selbst läßt mich durch seinen Agenten fragen, ob er rüberkommen und mich begrüßen dürfe? Im übrigen stand sein Haar hinten ab, das schlohblonde.

Ein Herr namens Weiß rief an, der ein Buch über Schwarze machen will
und von mir lanciert werden möchte. Hetzel rief an wegen der Bloomsday-Unternehmung. Einzelheiten waren zu klären. Er bringt zur Sicherheit zwei Kameramänner mit, sagt er. Außerdem wird er das Ganze noch zusätzlich mit einer fest installierten Digitalkamera aufnehmen. Wenn also eine Panne auftritt, der Videorecorder heißläuft, mit dem wir das 19stündige Zappen aufzeichnen oder das Tonbandgerät, mit dem wir außerdem noch den Ton mitschneiden (für das spätere Abschreiben wichtig). Nachmittags arbeitete ich am Hitlerbuch. Auch an Poseidon. Katze getröstet und Paule drei Zecken abgesucht. Tauben beobachtet, die sich an meiner Tränke labten. Insekten tanzten im Gegenlicht des Abends über unserer Wiese, gleichmäßig verteilt, jedes hat sein Umfeld, das von den andern respektiert wird. Am Abend sah ich einen Film über Einstein, wie er das mit der Relativitätstheorie hingekriegt hat. Es störte mich, daß im Off alle paar Minuten ein edles Klavierstück erklang, das dauerte immer genau bis zur nächsten Einstellung, und dann kam was anderes an die Reihe. Chopin vorzugsweise aber auch Bach und vor allem Brahms, das erste Klavierkonzert, immer nur einige wenige Takte. Auch eine Art Zapperei. Die Musikstücke hatten zum Film überhaupt keinen Bezug, nicht wie im Stummfilm, wo es wüst wird, wenn sich was ereignet, es sollte nur gezeigt werden, daß der Film was mit Kultur zu tun hat. Kulturfeinde waren in der Lage, schon nach drei Sekunden aha! zu sagen und abzustellen. Die Köchel-Verzeichnis-Funktion. Einstein hätte das sicher nicht gefallen. Spielte der nicht Geige? - Wir haben ein noch unveröffentlichtes Foto von ihm in unserm Archiv, sogar mit Negativ. Der Schauspieler, der den Einstein darstellte, wurde während der Dreharbeiten in der Kantine bestimmt bevorzugt bedient. Von so was kann man leicht den Größenwahn bekommen. Davor muß man sich hüten.

Ein Mangel unseres Bloomsday-Unternehmens ist es, daß wir nicht auch noch die Verschrottung der Musik vorführen können. Unser Bloomsday ist stumm.
 

Mittwoch, 11 Juni 1997
12°° Uhr
Schöner sonniger Tag. Ich setzte mich in den Garten und las die ZEIT, die immer inhaltsleerer wird. Von Martin Bormann war zu lesen, daß der zwar tot ist, aber vielleicht doch noch länger gelebt hat, als bisher angenommen. Bormann, der Herr mit den X-Beinen.

Eine Zeitung ohne Saff und Kraff. Daß die überhaupt noch einer liest. Mit der Literaturchefin habe ich noch nie ein Wort gewechselt. Hat man sich denn gar nichts zu sagen?

23°° Uhr
im Bett
Echolot: Vielleicht interessiert sich in drei, vier Jahren kein Mensch mehr für das, was wir hier aufsammeln? Im Fernsehen werden nur die Höhepunkte der Geschichte verschrottet. Wir haben es mehr mit den unteren Regionen zu tun, mit den menschlichen Seiten, mit den Details, und das wird uns wohl immer Aufmerksamkeit sichern. Aus Moskau kamen Briefe eines Rotarmisten an seine kleine Tochter.
 

Donnerstag, 12. Juni 1997
22.30 Uhr
im Bett schwer, matt, betäubt. Die Seele ist schwer. Hat sich denn alles von mir abgewandt? Im U-Boot durch die Weltmeere fahren, immer am Periskop.

Zodrow kam und brachte den zweiten Fernseher und ein zweites Videogerät, zur Sicherheit, für den Fall, daß mein Hauptgerät ausfällt. Unter Hempels Assistenz richtete er uns alle erreichbaren Kanäle ein. Italienische, spanische, französische und auch Kauflhauskanäle: es sind 37! - Am Abend musterte ich alle durch, und nun bin ich 100% davon überzeugt von der Sache. Man sitzt ganz bequem im Sofa und fängt beim ersten Kanal an: Nachrichten; sobald der Sprecher Atem holt, wird zum nächsten Kanal gewechselt. Dort gibt's vielleicht grade Werbung: zehn Sekunden zuhören und zapp! weiter im Text. Seltsam ist es, daß in allen Sendungen gleichartig geatmet wird. Schaltet man um, dann gerät man im nächsten Kanal meistens genau in ein Atemholen hinein. Und: noch seltsamer: Alles scheint sich aufeinander zu beziehen. Ob Soap-Opera, Talkshow, Werbung, Volksliedersingen alles antwortet aufeinander, es ist ein endloser Dialog zwischen Irrsinnigen. Die Kanalwechselei ist im übrigen problemlos auf den Videorecorder zu übertragen, und wer sich diesen Flickenteppich dann mal in Ruhe anschaut, kann sich nur wundern über die generalisierende Wirkung dieses Mediums. Alles paßt zu allem. - Vielleicht wird es eines Tages eine Zapp-Kultur geben, möglicherweise gibt es sie ja schon. Zapp-Gedichte, die man kaufen kann wie Lyrik. Auf der documenta XI würde man sie zeigen können. - Mit einer solchen Aktivierung des Zusehers würde das Wahnsinnsmedium sogar noch einen guten Zweck erfüllen: es setzte Kreativität frei.

Ein Medium, das sich selber verschlingt. Es bleibt eine allgemeine Suppe übrig, und die wollen wir »eindicken« und irgendwie vorzeigen. Die Videobänder, die dadurch entstehen, müßten den Programmdirektoren zugestellt werden, als Quittung: »Angekommen!« - Das wäre dann auch eine Publikumsreaktion, und das ergäbe auch eine Quote. Sagt der Programmdirektor: »Ach, wissen Sie, ich habe zu Hause gar keinen Fernsehapparat ...«

Im Zusammenhang mit dem Bloomsday ist es unsinnig, von einer »Dokumentation« zu sprechen. Die Sache hat mehr mit Beuys zu tun und mit Duchamps, als etwa mit Tatsachenforschung. (Ich denke daran, wie Beuys Gelatine an eine Betonmauer warf und mit den Fingerspitzen wieder abklaubte).

Zu einer Dokumentation würden Statistiken gehören, Prozentauswertungen (Hildegard: Fußnoten!) und graphische Kurven. Nein, das ist nicht meine Sache. Das können sie meinetwegen in Seminaren machen, anschließend. Aber dann sollen sie selbst einen Tag zappen mit 37 Sendern oder mehr, für so etwas ist meine aus dem Leben gegriffene Arbeit ihnen sicher nicht repräsentativ genug.

Natürlich mache ich etwas »bewußt«, ich »mache sichtbar«. Daß 37 Kanäle unaufhörlich wie eine »WELLA-Haarkosmetik« durch die Menschheit hindurchwehen, kann durch meine Arbeit auf sinnliche Weise ins Bewußtsein dringen. Die Menschheit wird durch Informationsmikrowellen geröstet. Mit Röntgenstrahlen hat das zu tun, ein einzigartiges Phänomen, das natürlich auch physisch schädigt. Aber über das, was ich da genau mache, kann ich selbst ebensowenig etwas aussagen, wie ein Komponist über sein Stück oder eine Lyrikerin über ihr Gedicht. Aus der Sache leckt eine schleimige Sauce, soviel steht fest, wir lassen sie gefrieren und bieten sie den Menschen an wie Eis am Stiel. Den Tages-Irrsinn zusammenklauben und zu einer sinnlichen Erfahrung machen, Andy Warhol 1:1.

Im Garten gesessen und Salzkeks mit Butter gegessen, dazu Heidelbeersaft. Habe nicht spazierengehen können, bin nur gewankt. Ohrwurm: der Kondukt von Mahler, kann den gut nachsingen. 37,6° (»Das hat nichts zu bedeuten.« )
 

Freitag, 13. Juni 1997
6°° Uhr
Die morgendlichen kostbaren Lesestunden. Musik kann ich im Augenblick nicht hören, der Kopf ist voll. Musik verlangt Kompatibilität, von Literaten kann man sich einfach was erzählen lassen. Die Umweltschützer haben es schon so weit getrieben, daß man sich fragt: ob das Buch, was da jetzt erscheint, Bloomsday '97 also, wirklich jemandem nützt? Ob es gerechtfertigt ist, so viele Bäume dafür zu fällen? Wer Leser erfreut, wird am wenigsten Grund haben, darüber nachzudenken. - Ach ja, die Bildung.

22.30 Uhr
Handwerker hämmerten im Haus. Mit Hempel am Plan gewurstelt, einzelne Entscheidungen getroffen.

Vormittag einmal um den Garten gewankt, als Ohrwurm führte ich das 1. Klav. Konz. von Brahms mit mir umher, nicht zu ertragen! Dann arbeitete ich im Garten am Dorfroman, und zwar am Schlußkapitel, das ich am Nachmittag ins reine schrieb.

Ich konnte es nicht lassen, zappte mich dann noch mehrmals ganz durch die 37 Kanäle. Bin beruhigt, alles ist sehr reichhaltig, auch wenn nichts besonderes los ist. Werden es die Augen aushalten, 19 Stunden von Sender zu Sender ohne Pause?

Ich weiß nicht, ob ich mir für den 16. Juni einen besonders nachrichtenreichen Tag wünschen soll, mit irgendeinem Attentat oder so was, oder ob es besser ist, wenn es sich um einen ganz normalen All-Tag handelt.

Wieder etwas Temperatur 37,5; schon seit Monaten. »Das hat nichts zu sagen.« Schon gut, aber früher wurden wir mit sowas ins Bett gesteckt.
 

Sonnabend, 14. Juni 1997
6.30 Uhr
Träume: Die Kurve kriegen. Den Absprung wagen.

Vor dem Frühstück 2x wankend spazieren, Hochzeit des Figaros - alles Schlager. Vielleicht sollte ich mir das alles mal wieder anhören, dann verschwindet vielleicht der Spuk. Warmer Regen. Um das Haus herum eine einzige große Parklandschaft im Regendunst. Auf Montag vorbereitet. Was mache ich, wenn ich nicht »durchhalte«?

Wenn es gelänge, unsern Bloomsday-Text noch enger zusammenzuschieben, ihn auf den Umfang einer Visitenkarte zu verdichten, so wie Simone es beim Verschieben von Computertexten machte. 37°
 

Sonntag, 15. Juni 1997
13.°° Uhr
Einen Teller Suppe gegessen. In ruhiger Erwartung Ñdes morgigen Tages", der über allerhand entscheiden wird und an dem ich fit sein muß. Keine Tabletten! Es ist jetzt nichts mehr zu organisieren. Wir haben das Notwendig- Organisatorische mehrmals besprochen. Zuerst ganz grob, dann in Tagesintervallen immer feiner und ins einzelne gehend. Wenn alle Stricke reißen, wenn die Systeme zusammenbrechen oder bei Stromausfall, können wir bei Hempel weitermachen, dort steht auch noch ein System.

Heute nachmittag werde ich mit Hildegard eine Tasse Kaffee trinken und ein Stück Torte essen. Bin an ihrem Arm zweimal um den Garten gewankt, wie das jetzt so ist. Dabei haben wir die herrlichen Holunderbüsche bestaunt, drei - vier Meter hoch. Kalter aber angenehmer Wind, Regenluft, mit breitem Pinselstrich grauere Wolkenschichten über graue gelegt.
 

Montag, 16. Juni 1997
Bloomsday 3°° Uhr früh
Gestern Nachmittag kam das Filmteam: vier Leute plus Hetzel. Hetzel riet mir sofort davon ab, schon um 4.45 Uhr mit dem Zappen anzufangen; das gleiche tat am Vormittag Bittel, er meinte, damit verdünnte ich den Bloomsday. Und recht haben sie. Erleichterung! - Bittel meinte treuherzig, wenn ich am Dienstag »wieder bei Troste sei«, telefonierten wir mal in Ruhe miteinander. Am Tage danach will er sofort die Presse informieren, was ich für falsch halte.

Dann trudelte die Crew ein. Mit der ganzen Bande fuhren wir zum Abendessen nach Sick. Das war gruppendynamisch wichtig. Wir erzeugten ein gruppendynamisches Selbstgefühl. Wir saßen also gruppendynamisch im Jägerzimmer, in dem Armbrüste an der Wand hängen.

Die schöne Wirtin lächelte mir zu. Hempel meinte hinterher, sie habe ihm auch zugelächelt.

11°° Uhr
Meine erste Sitzung habe ich hinter mir. Am Morgen, kurz vor 8 Uhr, fanden wir uns alle vorm Fernsehapparat ein, unter den strengen Augen der drei Fernsehkameras: mit einer Gruppenaufnahme aller Beteiligten begannen wir den großen Tag. Danach ging die Crew auseinander und ich fing an mit dem Zappen. Mit einer Gruppenaufnahme werden wir auch den Tag beschließen: morgen früh um 3 Uhr! Graut mir?

Hempel plus Freundin Kerstin Meyer, Frau Onon plus Simone (wohnen bei uns), Krüger, Wagner, Frau Hering und Steege.

Ich war zunächst etwas nervös, weil die Fernbedienung schwer ansprach. Dann aber lief es, und die Crew »verpißte« sich. Die Kameras begannen zu schnurren. Ich hatte etwas zu tun mit dem Posieren, wollte nicht zeigen, daß ich es merkte, gefilmt zu werden. Einziges Mittel dagegen: auf den Bildschirm gucken und sich auf die Arbeit konzentrieren. - Außer den beiden Kameras war noch eine digitale Kamera auf den Schauplatz gerichtet. Hetzel wanderte im Hintergrund auf und ab, wie das Pendel einer Uhr.

Der Rhythmus des Zappens ist wahrscheinlich tageszeitlich unterschiedlich. Zuerst waren es die Nachrichten, die ein schnelleres Umschalten nahelegten, da sie ja auf allen Kanälen wiederholt werden. Hauptthemen waren heute früh die Einführung des Euros und ein Kirchenattentat in Ostfriesland. Im Laufe des Vormittags zeigte es sich, daß man einige Sendungen besser länger stehenläßt: z.B. die Gymnastik oder auch Belehrungssendungen. Über DLF kam eine Sendung über Sprache - weshalb man überhaupt verschiedene Sprachen spricht -, auf einem anderen Sender wurde von hochbegabten Kindern berichtet, und dann interviewte Biolek den Bundeskanzler. Ob er seine Goldfische mit Namen kennt, und daß er auch mal eine Katze besessen hat. Da blieb ich natürlich länger drauf.

Nach zweieinhalb Stunden ermüdete ich und klingelte Hempel heran, mit meiner elektrischen Spezialklingel, die ich in einem Sanitätshaus gekauft habe, und gab ihm noch ein paar Instruktionen. War dann froh, daß er übernahm.

Kalt ist es im Haus, wegen der offenstehenden Türen, wartende Leute überall. Vielleicht langweilig für sie, ich kann es auch nicht ändern.
Alle schleichen umher, wie bei Filmaufnahmen, Tadellöser & Wolff seligen Angedenkens. Man langweilt sich, aber bleibt trotzdem dabei, weil man denkt, gleich passiert etwas!

Mit Hetzel ging ich die Allee hinauf hinunter. Daß er es wunderbar macht, sagte er, und ich sagte, daß ich es wunderbar mache, und was für eine tolle Fernsehsendung das wird, die wir hier quasi nebenbei produzieren. Ich versuchte, ihn auszuhorchen, ob er auch schon mal bei anderen Autoren war? Ob die auch so verrückt sind wie ich? Aber er hielt dicht. Diskretion ist für Leute seines Faches die erste Bürgerpflicht.

Wenn nun noch etwas Schlimmes passiert, irgendeine Sicherung durchbrennt, oder es gibt vielleicht einen Stromausfall, dann ist das kein so großes Malheur, weil wir den Anfang schon haben. Und eine Hilfsanlage steht ja bereit. Wir werden dann in den Text an dieser Stelle einen schwarzen Balken einrücken.

Steege will noch versuchen das Internet anzuzapfen, aus irgendwelchen Gründen funktioniert es bei uns nicht. Ich sitze bei ihm und schreibe dies in den Computer.

Jetzt, 11.15 bricht die Sonne durch. Hetzel sagt: zwei Dinge sind langweilig: dauernd bedeckter Himmel oder dauernd Sonnenschein. Das gilt auch für Fernsehsendungen.

Hildegard überlegt, ob sie zu heute nacht Champagner kaufen soll oder Sekt. Sie empfahl Hetzel Steinhäger mit Kamillentee zu trinken, das sei sehr bekömmlich. Wenn er wieder zu Hause ist, wird er es probieren, sagte er.

Die Irrfahrt des Odysseus wird zur Irrsinnsfahrt.
 

Dienstag, 17. Juni 1997
4°° Uhr früh
strahlend schön, Sonne, Wind, kühl. In arkadischer Landschaft. Jedesmal, wenn ich aus dem Fenster gucke, denke ich an den Schutzumschlag von »Hundstage«.

Wir haben den ganzen Bloomsday im Kasten! Den Rest, im Morgengrauen, besorgte ich fast liegend, ich befand mich in der Euphorie der Ermüdung. Nun schlafen.

7.30 Uhr
Dreieinhalb Stunden Schlaf. Hetzel gestern: »Ich werde Herrn Bittel erzählen, wie toll Sie sich gehalten haben.« Was hat er denn gedacht? Hält er mich denn für klapperig? Zum Zappen war der 16. Juni übrigens ein mäßig ergiebiger Tag.

Am späten Nachmittag brachte Frau Hering schon die ersten abgetippten Seiten! Überall saßen die Leute und studierten, was herauskommt bei so einer Sache. Zehn vor acht brachte der Grieche aus Zeven das Essen. So weit wollte ich es nicht treiben, daß ich der Crew nach Urin schmeckende Nieren auftischte. - Die Blutgefäße schwollen unter Gyros und Tzaziki an, und rotwangig und angeregt entfaltete die Crew »munteres Treiben«. Während Simone übernahm, setzte ich mich zeitweilig dazu und staunte darüber, wieviel manche Menschen essen können. Ich nahm nur etwas Pudding. - Nach dem Abendessen legte ich mich sogar noch ein Viertelstündchen unter die Haselnüsse, nicht ohne vorher Hetzel herbeigerufen zu haben, hier gäb's was zu filmen. Ich setzte meinen Strohhut auf, den ich dann auch im Haus, wegen des Oberlichts, den ganzen Abend nicht wieder abnahm. Meine Fliegenklatsche bezeichnete Hetzel als Running Gag. Bei der Gruppenaufnahme um halb vier Uhr in der Früh drang man in mich, das Dings zur Seite zu legen. Den Hut behielt ich auf. Sicher wird es irgendwelche Idioten geben, die das zu Beuys in Beziehung setzen.

17°°Uhr
Inzwischen ist in jeder Beziehung die Ruhe wieder eingekehrt. Unten klirren die leeren Bierflaschen. Die Jungens sind wie man mir sagte - noch heute früh betrunken durch die Gegend geirrt, mit »blutunterlaufenen Augen«. Es war unbeschreiblich wohltuend, die Fernbedienung zeitweilig abgeben zu können Wie heißt es beim Sechstagerennen? Fliegender Wechsel.

Ich schlief heute früh bis zehn Uhr und heute mittag bis 16 Uhr. Bin jetzt natürlich gnatzig. Ermattungsdepression. Ich rief Bittel an, daß alles erledigt ist, der sich über die guten Nachrichten freute. Besonders auch über die Internet-Sache, von Steege ausgetüftelt. Im Grunde haben wir die Sache Hildegard zu danken. Die Leute von Telekom, von Steege angefleht, zeigten keine Neigung, nach Nartum zu kommen und für einen Anschluß zu sorgen: »Wir haben im Augenblick keinen Mann frei«. Hildegard führte wirkungsvoll die Fernsehteams ins Spiel, und eine Viertelstunde später kam dann einer vorgefahren. Und wie gut! Denn Steege fand im Internet auf Anhieb neben allerhand Firlefanz die durchaus zur Sache gehörige Kurzfassung des Ulysses. Unter »Bloomsday« finden sich im Internet über tausend Eintragungen. Es gibt sogar einen Bloomsday-Wettlauf.

Eben rief ich bei dpa an, ob ich die Nachrichten von gestern bekommen kann, da lachte das Fräulein. Ich sag': »Warum lachen Sie?« - »Ja, nichts ist so uninteressant wie die Nachrichten von gestern ...«

Darüber kann man geteilter Meinung sein. Als Romancier hört man so etwas nicht gerne. Ich bestellte die Basisdienste vom 16. und 17. Juni, auch wenn wir sie nicht verwenden, zur Ergänzung und zur Identifizierung unverständlicher Namen werden sie nützlich sein. Merkwürdig ist es, daß dort jetzt, um 17.15 Uhr, nur noch eine Art Notdienst besetzt ist, »alle andern sind schon weg«, wie das Fräulein sagte. Bei dpa! Man stellt sich das irgendwie amerikanisch vor, ein Großbüro mit einem Höllenkrach, mit Zigaretten rauchenden Leuten, die grüne Schirme über den Augen tragen und in Hemdsärmeln: schließlich müssen die doch dafür Sorge tragen, daß keine Neuigkeit verlorengeht. - Aber die schieben auch nur ihren Dienst. Die einzigen, die immer arbeiten, sind wir. Wie sagte noch meine Mutter: »Bis uns das Blut unter den Fingernägeln hervorsprützt!«

21.30 Uhr
Meine verschiedenen Projekte rollen wie Konservenbüchsen im leeren Laderaum eines Frachtschiffs durcheinanden Echolot 4, Echolot 5, Bloomsday, Poseidons Töchter Dorfroman, Kleine Liebe zu Trompeten, Alkor, Plankton.

Trotz Fernsehüberdruß die Nachrichten. Man hat den Eindruck, als nähere sich unsere Regierung dem Kollaps. Die taumeln nur noch. Und die Opposition taumelt mit. Nur: Sie tut es grinsend.

Die Maastricht-Leute sollten Fahrrad fahren, so befanden die Journalisten. Kohl hat sich geweigert, dies zu tun. Ein besonders korpulenter Regierungschef mußte von zwei Damen links und rechts gestützt werden. Wer erinnert sich nicht an die Aufnahmen von Kohl, in einem Panzer stehend, mit abgepolsterten Kopfhörern. So was sollte man nicht tun. Über so was
kann man auch stürzen! Reichspräsident Ebert in der Badehose.

Wagner stellte die Frage, ob der Ablauf so geplant gewesen sei, das sel ia äußerst gut organisiert gewesen. Man muß auch auf die Initiative der Mitarbeiter vertrauen. Wer alles bis ins Kleinste plant, handelt menschenverachtend. Gerade in der selbsttätigen Improvisation zeigen sich tapfere Talente. Beim Telefonabhören zum Beispiel. Daß Krüger und Wagner bei der Gelegenheit im Telefon auch mal in einen Pornoservice glitten, sei ihnen nachgesehen. »Bist du denn blöd«, sagte die Dame. Ich hörte es, als ich zufällig für einen Moment nach oben kam. Die Minute Pornoservice kostet 3 Mark. Damit haben sich schon Leute ruiniert.
 

Mittwoch, 18.Juni 1997
6.30 Uhr
Sonne! Freche Träume, nach längerer Zeit mal wieder, langanhaltend.
Angenehm.

13.30 Uhr
Ich wollte gerade ins Bett steigen, da rief ein junger Mann von einer Zeitung an, der wollte wissen, was Bloomsday eigentlich bedeutet. Ich mußte ihm erklären, daß Joyce der großartigste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ist, was Ulysses bedeutet und wer Bloom ist.

»Aha! Nun sehe ich schon besser durch...« Er hatte die Pressefanfare des Verlags vernommen. Danach riefen noch zwei Zeitungen an, kurz nacheinander, auch ihnen erklärte ich, was es mit dem Bloomsday auf sich hat. Schließlich rettete ich mich ins Bett vor weiteren Gesprächen dieser Art. Der Verlag war nicht zu erreichen, wie immer in solchen Fällen. 1/2 VALIUM.

Es wird immer mehr: in meinem Kopf schwappen zwei Ozeane gegeneinander. Kreativität macht süchtig.

17°° Uhr
Im Garten. Lerchengetriller überm Feld, wir dachten schon, die kämen in diesem Jahr nicht mehr. Das Looping-Flugzeug, genau über unserm Haus. - Das Düsengerase hat aufgehört, seit dem Mauerfall kommen sie nur noch einmal pro Woche.

»Vor 75 Jahren erschien der Ulysses, das ist doch ein guter Grund, diesem großen Dichter seine Reverenz zu erweisen?« So ungefähr muß man reden, wenn man gefragt wird: Warum gerade jetzt?

Eigentlich schade, daß Krüger und Wagner das erotische Telefonat nicht fortgesetzt haben. Als Hinweis auf Molly wär's ganz nützlich gewesen. »Ja bist du denn blöd? Fällt dir nichts ein?« sagte die Dame, und da legten sie rasch auf. (Vielleicht auch, weil ich gerade ins Zimmer trat.)

Es wäre ganz verkehrt mit jedem Kapitel eine strenge Entsprechung zum Ulysses herzustellen oder zur Odyssee. Es sind mehr die Jahre 1904 und 1997 gemeint, der Weltalltag dieser beiden Kalendarien im Sinne von Brochs Welt-Alltag.

Für Heilsideen bin ich nicht zuständig.

Im Ulysses fand ich eine gute Charakteristik des Buches durch Joyce selbst: eine geschwätzige, allumfassende, mischmaschige Chronik nennt er den Ulysses. Das trifft auch auf unseren Bloomsday '97 zu.
 
©Walter Kempowski 1997
 

Zurück zur Startseite